Lernst du noch oder erlebst du schon? Wie pÀdagogische Agenten Nutzer-Erfahrungen positiv beeinflussen

"Was möchtest Du als nĂ€chstes tun?" Wer sich an Word 97 erinnert, dem wird der Begriff "Clippy", auch "Karl Klammer" genannt, kein fremder sein. Dieser kleine Helfer begrĂŒĂŸte uns fröhlich beim Öffnen des Programms und leitete uns zielsicher durch verschiedenste Herausforderungen. Heute wirkt Clippy grafisch ĂŒberholt, jedoch ist der Grundgedanke pĂ€dagogischer Agenten derselbe geblieben: Nutzer in unterschiedlichen Online-Segmenten durch Prozesse navigieren, subtil UnterstĂŒtzung anbieten und Lernprozesse zu fördern. Was genau es mit diesen Agenten auf sich hat und wo sie in der Online-Welt zum Einsatz kommen, erfahrt Ihr in folgenden Zeilen.

Clippy - Der bekannteste, pÀdagogische Agent

PĂ€dagogische Agenten sind Softwareagenten, die den Benutzer anleiten und begleiten. Ziel hierbei ist eine bessere Wissensvermittlung zu erzielen. Oft verfĂŒgen sie ĂŒber ein menschliches Äußeres oder einzelne menschliche Elemente – sind also anthropomorph gestaltet. Zu sehen ist dies beispielsweise bei „Clippy“, dem altbekannten pĂ€dagogischen Agenten von Word.

Aufgrund seiner Animation wirkt der kleine Helfer umso lebensechter: Dank Mimik, Gestik und Körpersprache lassen sich Parallelen zu menschlichem Verhalten herstellen.

Welchem Zweck dient der pÀdagogische Agent?

Oft nimmt der pĂ€dagogische Agent die Rolle eines Tutors oder Lehrers ein und vermittelt aus dieser Expertenrolle heraus Wissen. Dabei kann er sich entweder durch gesprochene Sprache oder Text ausdrĂŒcken. Besonders lebensecht wirken die Agenten, wenn sie eine spezifische Persönlichkeit aufweisen, genauer gesagt, dass sie Befindlichkeiten in gleichbleibender beziehungsweise schlĂŒssiger Folge ausrĂŒcken und so dem Nutzer ein persönlicheres Erlebnis bieten.

WofĂŒr kann der pĂ€dagogische Agent eingesetzt werden?

Die Möglichkeiten sind vielfÀltig. Meinst lassen sich die Anwendungsgebiete jedoch wie folgt einteilen:

  • Information: Der pĂ€dagogische Agent sammelt und vermittelt Informationen, die dem Benutzer bei der BewĂ€ltigung von Problemen helfen.
  • Kommunikation: PĂ€dagogische Agenten kommunizieren mit dem Benutzer. Dabei sind beispielsweise inhaltliche, fachliche oder persönliche Fragen von Relevanz.
  • Transaktion: Die pĂ€dagogischen Agenten bereiten im Lernbereich Transaktionen vor und fĂŒhren sie durch. So können zum Beispiel im Auftrag des Lernenden Produkte oder Content gesucht, aber auch Ressourcen zwischen Benutzern ausgetauscht werden.
  • Interaktion: Der pĂ€dagogische Agent agiert mit dem Benutzer oder dem Systemen, um beispielsweise Analysen durchzufĂŒhren, die dem User beim Lernen oder Arbeiten helfen.

Auch eine informelle Kommunikation kann dem Bereich der Interaktion zugerechnet werden. Hierzu zĂ€hlen beispielsweise einfache Floskeln, wie eine BegrĂŒĂŸung oder eine Verabschiedung durch den Agenten. Die Konversation dient dem sogenannten „Socialising“, das die Persönlichkeit des Agenten unterstreichen soll und ihn somit menschenĂ€hnlicher wirken lĂ€sst. So wird die Akzeptanz durch den Benutzer gesteigert.

Zudem ĂŒbernimmt der Agent hĂ€ufig auch eine Feedback-Funktion. Diese kann beispielsweise durch ein Kopfnicken oder KopfschĂŒtteln erfolgen, aber auch durch sprachliche Handlungen dargestellt werden.

Mehr Lernerfolg durch Personalisierung

Immer relevanter wird die Möglichkeit der Personalisierung von Anwendungen. Auch hier kann Abhilfe geschaffen werden. Auf Basis gewonnener Informationen passt der Agent seine Gestalt, sein Verhalten oder aber auch seine Funktionen an und schafft so eine individualisierte, personalisierte Lernumgebung.

Zudem konnte Baylor (2011) zeigen, dass der Einfluss des pĂ€dagogischen Agenten auf den Lernenden grundsĂ€tzlich grĂ¶ĂŸer ist, wenn sich beide hinsichtlich ihrer Merkmale wie beispielsweise Alter und Geschlecht möglichst Ă€hnlich sind.

Lernt es sich leichter mit Begeisterung?

Der Emotional Response Theory zufolge fĂŒhren verbale und nonverbale Zeichen der Begeisterung zu positiven Emotionen beim Lernen. Diese positiven Emotionen verbessern dann die affektive Wahrnehmung, intrinsische Motivation und somit die Lernleistung. Doch trifft das auch bei den animierten Agenten zu? Oder verschlechtern ĂŒbermĂ€ĂŸige Emotionen sogar die Lernleistung, da sie zu viel vom Thema ablenken?

Liew, Zin und Sahari (2017) verglichen die Behaltensleistung beim Erlernen einer Programmiersprache mit UnterstĂŒtzung durch einen emotional neutralen vs. einen enthusiastischen Agenten. Letzterer lĂ€chelte dabei viel, zeigte ausgeprĂ€gte Mimik wie weit geöffnete Augen und formulierte immer wieder seine Begeisterung fĂŒr das Thema.

Und siehe da: der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Die Lernenden in der Gruppe des enthusiastischen Agenten zeigten signifikant höhere positive Emotion, Motivation und Lernlernleistung als diejenigen in der neutralen Gruppe.

Im Bereich des Marketing ist schon lange bekannt, dass die Darstellung physisch attraktiver Menschen erheblich zum Verkaufserfolg eines Produktes beitragen kann. Wang und Yeh untersuchten deshalb 2013 in einer Studie, ob sich dieser Zusammenhang auch auf den Lernerfolg anwenden lĂ€sst. DafĂŒr ließen sie mĂ€nnliche und weibliche Studierende Videos ĂŒber die schĂ€dlichen Auswirkungen des Rauchens ansehen.

Die Informationen wurden dabei von unterschiedlich attraktiven weiblichen und mĂ€nnlichen pĂ€dagogischen Agenten vermittelt. Hierbei zeigte sich, dass die vermittelten Inhalte signifikant besser verinnerlicht wurden, wenn die pĂ€dagogischen Agenten ein attraktives Äußeres aufwiesen.

Ausblick: Weitere Einsatzgebiete

Nicht nur auf Lernplattformen, auch in anderen virtuellen Umgebungen ist der Einsatz von pĂ€dagogischen Agenten denkbar. So könnten diese beispielsweise den Kunden durch einen Webshop oder die Website eines Dienstleisters navigieren und durch gezielte Fragen beim Einkauf unterstĂŒtzen. Dies kann zu einer verbesserten User-Experience und mehr positiven Einkauf-Erfahrungen beim Kunden fĂŒhren.

Aber auch individuelle Anpassungen an die Zielgruppe beziehungsweise den jeweiligen User wÀren denkbar. So könnte eine junge Frau beispielsweise eine ebenfalls weibliche, junge pÀdagogische Agentin angezeigt bekommen, um so die Identifikation zu erhöhen und möglicherweise mehr Vertrauen und Kaufbereitschaft zu generieren.

PĂ€dagogische Agenten bieten also vielseitige Möglichkeiten, E-Learning und Online-Nutzer-Erlebnisse persönlicher und zielfĂŒhrender zu gestalten. Allerdings sollten hierbei die angesprochenen Gestaltprinzipien beachtet werden, um dem Nutzer ein möglichst effektives, positives Lernen und Erleben zu ermöglichen.

Literatur

  • Baylor, A. L. (2011). The design of motivational agents and avatars. Educational Technology Research & Development, 59, 291–300.
  • Bendel, O. (2004). Merkmale, Ziele und Funktionen pĂ€dagogischer Agenten. In ISI (pp. 213-226).
  • Liew, T. W., Zin, N. A. M., & Sahari, N. (2017). Exploring the affective, motivational and cognitive effects of pedagogical agent enthusiasm in a multimedia learning environment. Human-centric Computing and Information Sciences, 7: 9
  • Wang, C. C., & Yeh, W. J. (2013). Avatars with sex appeal as pedagogical agents: Attractiveness, trustworthiness, expertise, and gender differences. Journal of Educational Computing Research, 48(4), 403-429.
Anica Pilz
Anica Pilz
Als Psychologie-Studentin brennt Anica insbesondere fĂŒr digitale Themen in Symbiose mit der Psyche das Menschen. Hierbei ist es ihr ein besonderes Anliegen, den Nutzer im digitalen Umfeld zu verstehen und die UX auf Basis der Beobachtungen zu optimieren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.